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IM SCHMERZ GEBOREN

So recyclen Sie einen langen Printartikel
als angesagte Multimedia-Reportage

IN WENIGEN SCHRITTEN IN DIE DIGITALE ZUKUNFT

Sie sind Verleger und halten nicht viel von digitalen Angeboten, wollen aber trotzdem zukunftsorientiert und internetaffin erscheinen? Oder sind Sie ein junger Journalist und wollen einen bereits erschienenen und pauschal bezahlten Artikel pimpen, um so zu Paneldiskussionen eingeladen zu werden? Kein Problem! In wenigen Schritten kann ein langer Printartikel als multimediales Contentfeuerwerk verkleidet werden, das selbst die New York Times in den digitalen Dropshadow stellt!


Der erste Schritt ist bereits gemacht: Ihr herzzerreißendes Portrait über einen örtlichen Telefonzellenstreicher, dessen Handwerk vor dem Aus steht, liegt digital als Word 97-Doc vor. Machen Sie sich also keine große Mühe und kopieren sie den Text einfach 1 zu 1 in ein One Page-Template Ihrer Wahl aus dem Internet. Diese Templates benutzt jeder, also kann es nicht falsch sein. Und spätestens seit ProSieben den Parallax-Effekt im OnAir-Design benutzt können Sie sich mit Ihrer Wahl auf der sicheren Seite des Mainstreams fühlen. Versuchen Sie, so viele Effekte wie möglich einzusetzen und lassen Sie sich nicht durch Fragen nach dem Sinn der Animationen einengen.

DIE BILDER

Das Aufmacherfoto für die Printstory wurde bereits von einem talentierten - aber sehr teuren - Fotografen geschossen. Es zeigt die gesamte Verzweiflung unseres Telefonzellenstreichers in dritter Generation, dessen Job nun obsolet geworden ist.
Custom Image
Sollten für Ihre Multimediastory weitere Fotos benötigt werden, einfach selber machen: Moderne Handys bieten hier ausreichende Möglichkeiten und Filter für eine künstlerische Gestaltung. Auch in puncto Blitzeinsatz und Bildkomposition kann man es dank der Software mit internationalen Topfotografen aufnehmen.

So sehen wir links all die Farben, die der ehemalige Telefonzellenstreicher Manfred Schablowinski umsonst gekauft hat. Ohne Streichauftrag der Telekom bleibt er auf dieser Investition sitzen, da sich der Bedarf nach magenta*-farbenen Häusern in engen Grenzen hält.

DIE PARALLAXE

Noch hochwertiger und am Puls der Zeit wirken die Fotos, wenn sie als Hintergrund für einen textlichen Einschub genutzt werden. Das Tolle ist: Niemand wird zugeben, dass er keine Ahnung hat, was ein Parallax-Effekt ist und daher zustimmend nicken, wenn Sie dies als absolutes Killer-Feature anpreisen.

BIG DATA

Dieses Buzzword einfach unkommentiert einstreuen. Es ist Ihre Eintrittskarte zu Diskussionen und Kongressen. Kein ernstzunehmender Artikel im Web kommt ohne dieses Wort aus!

MULTIMEDIAL: AUDIO

Nun wird es Zeit für den multimedialen Mehrwert: Bei den Recherchen und Interviews für diesen Beitrag sind bereits Audiomitschnitte entstanden. Auch wenn diese Aufnahmen eigentlich nur als Gedächtnisstütze für einen Printtext dienen sollten, zögern Sie nicht, diese unbearbeitet online zu stellen. Kleine technische Mängel oder ein Gesprächspartner, der nicht fürs Radio geeignet ist, sollten Sie nicht weiter stören und unterstreichen nur die Authentizität.




ANIMIERTE STATISTIKEN

Haben Sie noch alte Zahlen in der Schublade liegen? Oder war bei der Recherche keine Zeit für komplexe Analysen? Egal! Statistiken kommen immer gut und lassen sich bei statista.com in wenigen Sekunden klauen! Dabei können Messwerte der gewünschten Aussage untergeordnet werden. Entnehmen Sie zum Beispiel der folgenden Statistik die Häufigkeit von augenwischenden Elementen pro 100 multimedialen Stories:

Statistiken

Erwecken Sie so den Eindruck, Sie würden Datenjournalismus betreiben. Buzzword: Big Data!

Animationen

Nur wenn ein Element ins Bild fährt, ist es ein gutes Element! Das Internet ist immer in Bewegung und das sollte Ihre Story auch sein.

Parallax-Effekte

Eine weitere Ausprägung der Animation, die glücklicherweise bei jedem gekauften Template enthalten ist.

Videobackgrounds

Die Königsdiziplin! Multimedial im Overdrive in Richtung Zukunft - und Prozessorauslastung.

Auch interessant: Die häufigsten Gründe, warum User eine multimediale Reportage verlassen (Angabe in Äpfeln):

Javascript ist nicht installiert

Computer hängt sich bei Animationen auf

Scroll-Befehle nur mit Delay auf Monitor angezeigt

User fühlt sich durch Menge an Elementen erschlagen


Um den langen Textfluss zu unterbrechen fügen Sie Zwischenüberschriften ein und hinterlegen diese mit künstlerischen, bildschirmfüllenden Videos. Das wirkt crossmedialer und läd den Leser ein, sich genauer mit Buchstaben und deren Formen zu beschäftigen, da diese so schwerer zu lesen sind.

Soziale Netzwerke

Integrieren Sie Twitter. Dabei aber AUF KEINEN FALL Twitter automatisch die Tweets mit dem gewünschten Hashtag anzeigen lassen. Es besteht nämlich die Gefahr, dass keine Tweets zum Thema erscheinen oder die Tweets sich kritisch zum Artikel äußern. Dies würde aber eine Diskussion mit den Usern bedeuten, für die keine Ressourcen zur Verfügung stehen.
Statt dessen Tweets von bekannten Bewohnern der Medienblase einbinden, denn diese haben eigentlich immer etwas zu sagen. Außerdem dient Ihnen die Erwähnung dieser Menschen als Eintritt in die selbstreferenzielle Twittersphäre:


DIE MULTIMEDIALE KRÖNUNG

Die Königsdisziplin und das sichere Ticket auf Panels über die Zukunft des Lokaljournalismus. Versuchen Sie nachträglich ein Video zu erstellen, das einen journalistischen Mehrwert bietet – oder zumindest vortäuscht. Keine Angst, auch Printjournalisten können Fernsehreportagen erstellen!




Belegen Sie Ihre Internetaffinität durch Einbinden externer Dienste


Lassen Sie sich dabei nicht von dem Problem stören, dass die Scrollbefehle auf das eingebundene Element und nicht auf Ihre Seite angewendet werden.

DAS TEAM

Zum Schluss stellen Sie noch das Team vor, das dem User dieses multimediale Fest aufgetischt hat. Das Internet ist ein sehr soziales Medium und der Leser freut sich über die Gesichter der Macher. Ausserdem kann er so den Autoren Links an die private Facebook-Wall posten und generell Themenvorschläge auf vielen Wegen einreichen.
Team Member 1

Katherina Ullmann

Autorin

Absolventin der Grevenbroicher Journalistenschule (Abschlussessay: "SchillerIn-Straße: Genderequality bei deutschen Strassennamen"). Betreibt mehrere Blogs und Podcasts. Würde gerne mal an einem Panel teilnehmen.





Team Member 2

Markus Dengler

Programmierer

Systemadministrator und verantwortlich für den Internetauftritt der Zeitung. Premiumkunde bei Fotalia. Ausgezeichnet mit dem Adobe Knowledge Level Silver (Fireworks).





Team Member 3

Hubertus Dengler

Verleger

Verleger und Geschäftsführer. Auf der Suche nach einem digitalen Vorzeigeprojekt um beim Rest so weiter zu machen wie bisher.



* = In einer früheren Version des Textes war von der Farbe Margenta die Rede. Im Gengensatz zu Magenta ohne R ist dies die ökologisch verträglichere Farbmischung auf Fett-Basis. Diese wurde von der DTAG zeitweise um 2010 eingesetzt. Um Verwirrungen und weitere Rechtschreib-Hassmails zu vermeiden, wurde diese Schreibweise aus dem Artikel entfernt.

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